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Marie Luise Kaschnitz

Bei der Erdmutter*

 


"In mir beginnen alle Pfade
Und münden wieder in mir ein.
Ihr sollt am nächtlichen Gestade
Für eine Zeit wie schlafend sein.

Dem Korn, das in der Erde ruhte,
Entsteigt der Keim, des Stengels Schaft.
Ich nähre ihn mit meinem Blute,
Ich treibe ihn mit meiner Kraft.

So steigt er aus dem engen Kerne
Ins weite drängend an den Tag.
Doch wie ein Klang aus weiter Ferne
Bewegt ihn meines Herzens Schlag.

Die Blüte wächst, die Ähren wehen,
Der Samen fällt, es bricht das Reis,
Und Wälder werden und vergehen
Auf mein Geheiß.

Was einst der Sonne zugewendet
Des Lebens hohes Glück genoss,
Was immer sich im Licht vollendet,
Es kehrt zurück in meinen Schoß.

Ewig steigt und pocht mein Blut,
Auch was schlimm erscheint ist gut.
Alle, die in mir beginnen,
Werden einst das Licht gewinnen,
Steigen, sinken, auf und nieder,
Alle, alle kommen wieder ..."

 


*ein Gedicht nicht speziell auf Holda bezogen, kommt ihrem Wesen als Mutter des Lebens und des Todes aber sehr nahe. Und ist eines meiner Lieblingsgedichte! ;-)